Rheinische Post

Rheinische Post - Düsseldorf, 24.10.2000

Sandra Maischberger erhält heute mit Maybrit Illner und Gabi Bauer den Friedrichs-Preis

Eine Sache der Intuition

Sandra Maischberger ist die Frau mit den eindringlichen Fragen, täglich auf n-tv. Die Journalistin hat in diesem Jahr den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „beste Nachrichtensendung" bekommen. Heute erhält sie mit Maybrit Illner und Gabi Bauer zudem den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis (WDR, 22.30). Er erinnert an den verstorbenen „Tagesthemen"-Moderator und wird für kritischen und unabhängigen Journalismus vergeben. Mit der 34-Jährigen sprach RP-Redakteurin Eva Quadbeck über die Kunst des Fragenstellens, über Frauen im Nachrichtengeschäft und über den Erfolg.

Sie sind durch die beiden Preise ins Licht der Öffentlichkeit gerückt und mussten sich plötzlich selber vielen Fragen stellen. Hat das Ihre Arbeit verändert?

Nein, das erste Interview habe ich gegeben, als ich bei „Live aus dem „Schlachthof" Moderatorin wurde, und das ist jetzt elf Jahre her. Als ich anfing selber Interviews zu geben, hat das tatsächlich etwas verändert, weil man doch merkt, was man auch für Fehler machen kann.

Inwiefern?

Zum Beispiel wird es mir nie mehr passieren, dass ich bei der ersten Frage meinen Blick auf dem Zettel habe. Ich habe gemerkt, dass ich selber, als ein Kollege mir gegenüber saß und die Frage ablas, den nicht mehr ernst genommen habe.

Die Gesprächsatmosphäre, die Sie erzeugen, ist eine sehr intensive. Müssen Sie da Ihre eigenen Gefühle kontrollieren?

Ich glaube nicht, dass das geht. Vieles kriegt man einfach mit. Sowohl der Interview-Partner als auch der Zuschauer, wobei es mir wichtiger ist, dem Interviewpartner Signale zu senden. Wenn mich eine Antwort erstaunt, kann das der andere an meinem Gesicht sehen, und das wiederum bringt ihn eventuell dazu, seine Aussage zu konkretisieren.

Manchmal hat man den Eindruck, wenn Sie bei einer Antwort lächeln, dass Sie nicht ganz zufrieden waren, mit dem was der Interviewpartner gesagt hat. Ist das richtig?

Ich kann Ihnen das nicht sagen, ich werde viel darauf angesprochen, es fängt an, mich ein bisschen einzuengen. Im Ernst. Nicht, dass ich nicht darüber reden möchte, sondern ich war immer der Meinung, dass dies auch eine Sache der Intuition ist. Intuition machen sie natürlich durch Wissenschaft kaputt. In dem Moment, in dem ich anfange, mich damit zu beschäftigen, worüber ich lächele, glaube ich, dass mir die Unbefangenheit verloren geht. Man fängt an, sich selber zu beobachten. Das ist nicht gut. Man soll ja nicht sich selber beobachten, sondern das Gegenüber.

Was bedeutet es für Sie persönlich, diese beiden wichtigen Preise in einem Jahr zu bekommen?

Für mich ist das eine Riesenfreude. Am Abend der Fernsehpreisverleihung sind unheimlich viele Kollegen und auch Leute, die ich nicht kannte, gekommen und haben gesagt: Das war richtig, wir gönnen dir das. Ich empfinde diese Sendung auf n-tv wie ein Meisterstück dessen, was ich bis jetzt gemacht habe. Es ist beinahe so, dass man sagen könnte, wir hören nach diesem Jahr auf.

Haben Sie das denn vor?

Nein, natürlich nicht. Aber es ist wirklich ein bisschen erstaunlich. Früher, in schwierigen Zeiten, hätte ich Anerkennung so als Ermunterung gebraucht. Da hätte mir ein Preis gut getan. Aber wahrscheinlich habe ich damals einfach keinen verdient.

Sie bekommen den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis zusammen mit Gabi Bauer und Maybrit Illner. Das sind drei Frauen in einer ehemaligen Männerdomäne. Wie bewerten Sie das?

Dass wir jetzt zu dritt den Preis bekommen, ist nur für die Jury ein Problem. Wen sollen sie bloß in den nächsten Jahren auszeichnen? Ich hoffe nur, dass nicht das Jahr der Frauen ausgerufen wird. Mir wäre am liebsten, wenn das nicht mehr so wichtig wäre, ob da jetzt eine Frau oder ein Mann sitzt. Das Geschlecht sagt ja nichts über die Qualität der Arbeit aus.

Wobei Frauen ja oft eine andere Art haben, an die Dinge heranzugehen...

Das sagen Sie. Wir haben neulich ein Dreiergespräch gemacht, die Ilnerin, die Bauerin und ich, und da ging es um dieses Thema.

Und welcher Meinung waren Frau Bauer und Frau Illner?

Gabi Bauer hat von diesem weiblichen Blick geredet, Maybrit Illner glaubt das auch nicht. Es gibt viele Verhaltensweisen, die man als weiblich und männlich zuweist, aber ich glaube, der größte Teil davon ist ein anerzogenes Verhalten.

Ist es nach wie vor schwierig für eine Frau, im Fernsehen älter zu werden?

Ich hoffe, dass sich das ändert. Ich glaube, das ist ein Problem, weil sich in unserer Gesellschaft das Frauenideal immer nach jungen Frauen richtet. In anderen Ländern sind die schon ein bisschen weiter. Zum Beispiel in Frankreich oder in Amerika, da sehen sie auf dem Bildschirm sehr viele reife Frauen. Ich hoffe, dass es sich in meiner Generation auch dahin entwickelt.

Haben Sie für sich persönlich eine Vorgabe, wie lange Sie Fernsehen machen wollen?

Ich weiß, dass ich den Beruf der Journalistin so gerne habe, dass ich mir nicht vorstellen kann, mit 65 aufzuhören. Es muss ja nicht immer vor der Kamera sein. Ich arbeite seit Jahren auch hinter der Kamera. Ich mache Dokumentarfilme, und ich schreibe für Zeitungen und Magazine. Ich glaube auch, dass es ganz gut ist, mal ein paar Jahre abstinent zu sein.

Sie sind ja schon mal ein Jahr aus gestiegen und um die Welt gereist. Wollen Sie das wieder tun?

Ich glaube ja. Ich kann das im übrigen nur empfehlen. Das war ganz toll. Ich kann mir vorstellen, noch einmal einen radikalen Schnitt zu machen und zu sagen, jetzt ist es gut.

Haben Sie schon konkrete Pläne?

Ich habe mich jetzt verpflichtet, bis Ende des Jahres 2002 bei n-tv zu sein. Das ist schon ein langfristiger Plan für mich. Das sind insgesamt drei Jahre, und dann schauen wir weiter.

Werden Sie bis Ende 2002 auch mit Ihrem Produzenten Friedrich Küppersbusch zusammenarbeiten?

Er ist auf jeden Fall mein Produzent für die gesamte Zeit. Es macht großen Spaß, mit ihm zusammenzuarbeiten. Das ist sehr befruchtend.

Er hat ja auch selber viel Kameraerfahrung ...

Ja, aber seine Kameraerfahrung ist nicht das, was mir diese Zusammenarbeit so teuer macht. Der wichtige Punkt ist sein Kopf, sein politischer Kopf, sein analytischer Kopf, sein Kopf als Fragesteller. Der denkt einfach anders als der große Rest von uns. Er ist ein Querdenker, das finde ich gut. Und davon profitiere ich natürlich. Ich profitiere überhaupt von meiner Redaktion, wenn man das mal so sagen kann. Das was wir machen, geht nur als Teamwork. Ein Großteil der Fragen kommt auch von denen, das würde man sonst gar nicht anders schaffen.fach anders als der große Rest von uns. Er ist ein Querdenker, das finde ich gut. Und davon profitiere ich natürlich. Ich profitiere überhaupt von meiner Redaktion, wenn man das mal so sagen kann. Das was wir machen, geht nur als Teamwork. Ein Großteil der Fragen kommt auch von denen, das würde man sonst gar nicht anders schaffen.